Mit dem Institut für Betrachtung möchten wir einen Ort zur Analyse und Vermittlung von zeit­genössischer Kunst- und Kulturproduktion im weitesten Sinne schaffen. Auch wenn die Idee zur Gründung des IFB aus der langjährigen Beschäftigung mit dem System „Bildende Kunst“ resul­tiert, werden wir in unserer Arbeit die Grenzen des Kunstbetriebs ab und an hinter uns lassen – sowohl im Sinne der Unterhaltung als auch der Erkenntnis. Wir möchten mit dem Institut für Betrachtung den Versuch unternehmen eine kulturelle Praxis- und Vermittlungsform zu institutionalisie­ren, die sich zum einen über die Engführung von Praxis, Theorie und vor allem sozialer Praxis definiert und zum anderen einen Raum jenseits von akademisch, disziplinär, ideologisch oder ökonomisch motivierten Partikularinteressen schafft. Denn mittlerweile, so scheint es uns, geht es ums Ganze. Momentan beschäftigen wir uns am IFB mit drei programmatischen Schwer­punkten:

Erstens interessiert uns das Verhältnis von Erzeugnissen aus dem Bereich der zeitgenössischen Bildenden Kunst im engeren Sinne und anderweitigen zeitgenössischen Produktionen und Pro­duktionsbedingungen/-möglichkeiten. Das betrifft (sub-)kulturelle Äußerungsformen ebenso wie technische Neuerungen. Sinn und Zweck dieses Abgleichs ist die Untersuchung des Zeitge­nossenschaftsanspruch der zeitgenössischen Kunst des 21. Jahrhunderts.
Zweitens möchten wir uns mit der Frage beschäftigen, wie und von wo aus über zeitgenössische Kunst gesprochen und geschrieben, wie also in den Wechselbeziehungen zwischen Kunstmarkt und Kunstvermittlung Bedeutung und Wert konstruiert wird. Wir werden dabei der Betrachtung institutioneller Gepflogenheiten ebenso widmen wie der formal-analytischen Beschreibung ein­zelner Werke. Denn beides scheint uns in der von Zeitdruck und Interessenpolitik beeinträch­tigten Kunstkritik zuletzt zu kurz zu gekommen zu sein. Wir werden uns die Zeit nehmen, die wir für einen zweiten Blick und ein bedächtiges Drehen des Kopfes benötigen.
Und drittens wollen wir das für unsere Arbeit zentrale Prinzip der Revision nicht nur in der Beschäf­tigung mit der jüngsten Kunstgeschichtsschreibung geltend machen. Unser archäologisches In­teresse reicht zurück bis zu dem Beginn der Moderne und trägt hoffentlich dazu bei, von der hegemonialen Kunstgeschichtsschreibung Vergessenes und Verschobenes ans Tageslicht zu bringen. Darüber hinaus möchten wir bislang übersehene Verknüpfungen zwischen Kunst-, Kultur- und Sozialgeschichte präsentieren.

Der Zeitpunkt für die Gründung einer eigenständigen, privat finanzierten Einrichtung dieser Art scheint uns ein günstiger, ja naheliegender zu sein. Die traditionellen Orte der Vermittlung und Analyse befinden sich am Abgrund. Für viele Galerien, eine Handvoll Global Player ausgenommen, ist im Zuge der finanzpolitischen Erschütterungen der letzten Jahre der Raum für längerfristige Experimente oder diskursive Unterfütterungen sehr klein geworden. Hiesige Kunstvereine, die, anders als in vergangenen Jahrzehnten, kaum mehr in der Lage sind Ausstellungskataloge zu produzieren, stellt die Vermittlungsarbeit längst ein Luxus dar. Die Ankaufs­etats der Museen für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts sind, so überhaupt noch vorhanden, längst im Keller; hinzu kommt, dass die eigentliche Museumsarbeit an und auch mit der eigenen Sammlung zurückgeschraubt werden muss, um die durch Events generierten Besucherzahlen hoch zu halten. Die Gagen für geladene Autor/innen und Vortragende fallen mittlerweile recht überschaubar aus, dürften aber im Schnitt trotzdem über denen der allermeisten Kunstkritiker/innen liegen. Letztere werden mittlerweile unter Mindestlohnstandards abgefertigt. Dass Rezensionen häufig paraphrasierten Ausstellungsankündigungstexten gleichen, ist somit ebenso zwangsläufig wie die Tatsache, dass sich kaum mehr länger anhaltende Debatten oder größere diskursive Bögen entwickeln können. Dass einschlägige Erfahrungen im Eintreiben von Drittmitteln mittlerweile als ein wichtiges Anstellungskriterium an staatlichen Einrichtungen, Universitäten inklusive, gilt, ist nur ein weiteres Indiz für jene weitreichenden strukturellen und ökonomischen Veränderungen, die auch die Kunstvermittlung betreffen. Angesichts dessen kamen wir zu dem Schluss, dass die Institution an sich letztlich direkt raus gekürzt bzw. selbst betrieben werden kann. Wir planen das Institut für Betrachtung über Kunst- und Tonträgerverkäufe, Eintrittsgelder, Spenden, Seminarbeiträge sowie Forschungs- und Sponsorengelder zu finanzieren.

Wir möchten mit dem Institut für Betrachtung, dessen Beirat interdisziplinär besetzt ist, in mannigfaltiger Weise im digitalen und analogen Raum in Erscheinung treten. Auf unserer Webseite veröffentlichen wir Artikel, Ausstellung- und Buchrezensionen ("Journal") sowie eine kommentierte Linksammlung zum aktuellen Geschehen, inklusive Schlagwort- und Volltextsuche ("Tribüne"). Unter anderem in dem Aachener IFB-Büro werden Vorträge, Diskussionsrunden, Filmvorführungen, Ausstellungen und salon­ähnliche Veranstaltungen organisiert. Es soll als ein Ort dienen, an dem idealerweise Kunst in den Lebensalltag geholt und Theorie mit Praxis kurzgeschlossen werden kann. Dort wird darüber hinaus auch die langfristig angelegte Arbeit an einem Archiv zu Kunst-, Kultur- (und Pop-)geschichte in Angriff genommen werden. Das Institut für Betrachtung wird aber auch regelmäßig auf Reisen gehen, um kunsttheoretische Auftragsarbeiten auszuführen, seine Zelte auch in der Provinz aufzuschlagen und versuchen die Hemmschwelle für die Beschäftigung mit zeitgenössischer Kunst zu senken. Wir sind von der Idee fasziniert sowohl Angst als auch Freudlosigkeit, die beide den gegenwärtigen Kunstbetrieb prägen, hinter uns zu lassen und dazu beizutragen, dass das, was die Beschäftigung mit zeitgenössischer Kunst bedeuten kann, am Lodern gehalten wird.

Wolfgang Brauneis / Tim Berresheim,
Aachen / Köln, im September 2014.
Aktualisierung im April 2015

Danke an Andreas Coenen, Hans-Jürgen Hafner,
C/O, Melani Wratil und Reiner Opoku.